Jürgen Tauchen
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Es ist wieder Freitag, Freitag der 13. November 2014, 18:00 Uhr.
 
Wieder trifft sich unser Männerkreis zum „Männerschmieden“ an der Johanniskirche zum Friedensgebet. Im Anschluss daran kommen wir zu unserer ureigenen Sache –„Männerschmieden“.
Ort und Thema unseres Gesprächskreises wechseln, wie ebenfalls Schwere, Ernsthaftigkeit und Wichtung der Themen mit einer Konstante, der Toleranz und Achtung.
Aber uns eint noch etwas Wichtiges und bindendes in unserem Leben, ohne dem es unsere „Herrenrunde“ so nicht gäbe: Der Glaube an Gott und seinem Sohn.
 
Thema und Ort waren wieder gut gewählt - und wie so oft interessant, informativ, lebensnah.
Mir geht es jedenfalls so:
Am Ende unseres Gesprächskreises gehe ich nie so nach Hause wie ich gekommen bin.
Neue Einsichten und Ansichten begleiten mich auf dem Nachhauseweg und so manches Mal bin ich auch klüger als zuvor. Das ist gut so.
 
Als Thema stand die Lutherdekade 2014/15 „Reformation, Bibel und Bild“ im Vordergrund.
Doch bevor wir uns diesem Thema zuwandten schauten wir uns die Kirchen von Oberwellenborn und Gorndorf an. Kirchen, die aus kleinen frühromanischen Kapellen zu ihrer heutigen Größe wuchsen um Raum für Menschen zu schaffen, denen Gottes Wort zu hören wichtig war. Und ich hoffe es auch heute noch ist.
Über Generationen erhielten Gemeindemitglieder diese schönen Gotteshäuser, in denen Gemeinde lebendig war. Ich hoffe es gelingt uns ebenfalls die Kirche mit Leben zu erfüllen. Manchmal werde ich bei diesem Gedanken etwas kleinmütig, wenn ich an die Besucherzahl der Gottesdienste oder die Nutzung dieser Kirchen denke. Andererseits sind diese Gebäude immer noch markante, zentrale Bauten und Versammlungsstätten in Stadt und Land. Gott sei Dank.
 
In den Jahrhunderten erfuhren unsere Kirchen manch Veränderungen, die von lebendigem Glauben zeugen und Bewahrens Wertes bewahren. Zu diesem gehören u. a. Bilder wie sie uns in Form des Altars mit seinen Schnitzereien begegnen.
Die Kirchen von Gorndorf wie Oberwellenborn haben viele Gemeinsamkeiten, vom Turm mit romanischem Unterbau über das Kirchenschiff mit holzbekleidetem Tonnengewölbe bis zum Altar. Beide Altäre stammen aus der Saalfelder Schnitzerwerkstatt des Valentin Lendenstreich und wurden von Hans Gottwald von Lohr, einem begabten Schüler Tilmann Riemenschneiders gefertigt.
 
Da sind wir schon Mitten beim Thema, das uns an diesem Abend beschäftigen sollte:
Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, … ist. (5. Mose 27.15)
 
Auf den ersten Blick welch Widerspruch angesichts der vielen Bildzeugnisse in unserem Leben und auch in unserer Kirche. Doch möchte ich die Bilder, ob aus Holz, Stein oder in Form der Ausgestaltung der Decken und Wände mit bildlichen Motiven nicht missen, schon gar nicht die der Johanneskirche mit ihren wundervollen Fenstern.
 
 
Denn das sind keine Ebenbildnisse oder Abbildnisse Gottes.
Sie erzählen, sie bringen Gott uns Menschen nahe zu einer Zeit wo lesen und schreiben nicht zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehörte.
Eine Zeit, die immer noch lebensbedrohlich war.
 
Mich beeindruckt besonders der tief verwurzelte Glaube unserer Vorfahren jener Zeit.
Heute hinterfragen wir alles, manchmal viel zu viel und oftmals mehr, als uns gut dünkt, gerade wenn es um Glauben geht.
 
Ich bin froh, dass ich glauben kann und keine wissenschaftliche, logische Beweisführungen brauche, um mich Gott zu nähern oder seine Anwesenheit in Frage stellen muss.
Uns erreichen oft beklemmende Nachrichten aus der Welt oder im engsten Bekannten- und Familienkreis, die den Eindruck erwecken, dass Gott gerade nicht anwesend war oder er zufällig weggeschaut haben mag. Dem ist nicht so, er trägt unsere Last wie auch wir uns unserer Verantwortung bewusst werden müssen und unser eigenes Handeln abwägen sollten.
 
Hier kann ich mich getrost zurück- lehnen und nehmen, denn ich habe Vertrauen zu Ihm.
 
Wenn ich an Gott zu hohe Erwartungen knüpfe, sein Bild nach meinen Vorstellungen forme oder Wunschvorstellungen habe, wie er unter uns zu wirken hat, werde ich Enttäuschung erfahren. Ich werde Ihn vergeblich suchen und Zweifel haben.
Zu oft halten wir Ausschau nach den großen Wundern und übersehen dabei die vielen kleinen Dinge, in denen uns Gott tagtäglich begegnet. Wir müssen sensibler werden und aufgeschlossen sein für all die kleinen Wunder. Es ist heute nicht anders wie damals.
 
Dies ist die Botschaft, die in diesem uralten Bibeltext mir entgegentritt.
 
Doch dies war längst nicht unser alleiniges Thema, das uns an diesem Abend nachdenklich werden ließ.
So ist es nun mal in unserer Runde, wenn wir uns nach 6 Wochen zum „Männerschmieden“ wiedersehen. Zehn Männer (oft mehr) treffen sich, zehn unterschiedliche Biographien und zehn individuell geprägte Lebensansichten treffen aufeinander. Erlebnisse, Einsichten und Ansichten werden ausgetauscht. Schnell sind auch aktuelle Themen dabei, die unterschiedlich verarbeitet wiedergegeben oder interpretiert werden.
Schnell prallen Meinungen aneinander. Wie gut, dass Toleranz und Achtung unseren Kreis prägen wie ebenfalls das Ringen nach Objektivität.
 
Kein Wunder, dass das seit Wochen öffentlich wirksame Thema der Flüchtlinge aus uns vermeintlich fernen Ländern auch in unserem Kreis ankam. Aber was ist heute im Angesicht der modernen Verkehrswelt noch unter fern oder abseits „unserer Welt“ zu verstehen und welche Gedanken bemächtigen sich spontan unser?
 
Ein für mich zugegeben nicht einfaches Thema. Ein Thema, dass mich ca. 70 Jahre zurückschauen lässt.
 
Wie war das damals, als Millionen Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands, aus Ost-und Westpreußen, aus Schlesien, Pommern, den Sudeten oder aus dem Elsass und Lothringen kommend in den Besatzungszonen, der späteren Bundesrepublik Aufnahme fanden?
Dabei geht es nicht um Spitzfindigkeiten, ob Flüchtling, Aussiedler oder Vertriebener!
Ja wie war das in den 50-er und 60-er Jahren oder 1989, als hunderttausende DDR-Bürger ihrem Land den Rücken zuwandten und in der Bundesrepublik Aufnahme fanden?
 
Ging das so reibungslos ab, wie wir heute glauben wollen? Ich glaube nicht.
Auch hier waren Spannungen, Missverständnisse und Vorurteile gegenüber den Flüchtlingen der Nachkriegsjahre noch lange im Zusammenleben zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen zu spüren. Nur der Integrationswille dieser Flüchtlinge und das über Generationen gebildete „Zusammengehörigkeitsgefühl“ ließ alles zu einem guten Ende zusammenfügen.
 
Heute stehen wir wiederum vor ähnlichen Herausforderungen. Nicht alles lässt sich administrativ festlegen und bestimmen.
Die Gewährung von Asyl für bedrohte und verfolgte Menschen ist ein Grundrecht und fand wohl überlegt im Angesicht des gerade beendeten 2. Weltkrieges Eingang im Grundgesetz. Daran sollte es keine Zweifel geben und ich denke, diese gibt es auch nicht.
Eher gibt es Zweifel in der Umsetzung dieses Rechtes mit hausgemachten oder handwerklichen Fehlern, die so manch einem Mitbürger unter uns ein Willkommen dieser Menschen erschwert.
 
Meine Gedanken gehen ebenfalls in jene ferne Vergangenheit, als Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt, enteignet und mittellos in unser Land kamen, den Salzburger Emigranten, den Hugenotten und den Böhmischen Brüdern und Schwestern.
Ja, da liegen schon ein paar hundert Jahre zwischen dem Großen Kurfürsten von Brandenburg, König Friedrich II. von Preußen und uns.
Sie wurden nicht ganz uneigennützig willkommen geheißen, denn sie trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes mit ihrem Wissen und handwerklichen Fähigkeiten bei. So Manches erinnert uns daran und gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten ohne uns bewusst zu sein. Auch damals empfanden einige Zeitgenossen diese neuen Mitbürger als beklemmende, fremde Konkurrenz.
 
Heute, durch die einsetzende Internationalisierung von Wirtschaft, Handel und Verkehr werden die Herausforderungen nicht leichter, um zu den objektiven Schwierigkeiten und Fakten im Dialog zwischen Immigranten und aufnehmender Gesellschaft vorzudringen.
In diesem Sinne ist eines wichtig, für die Gesellschaft und für den Einzelnen darf kein Schaden entstehen und unsere Gesellschaft bedarf keiner Spaltung, weder in „Mult-Kulti“ einiger „Gutmenschen“ noch in Ablehnung und Ausgrenzung Hilfesuchender.
Beide Extreme haben längerfristig keinen Bestand, doch werden sie unsere Gesellschaft noch lange begleiten.
 
So entstand bei uns die Erkenntnis, dieses Thema nicht auf diesen Abend zu beschränken oder auf sich beruhen zu lassen. Es wird uns weiter beschäftigen. Denn allein kluge Reden sind wenig hilfreich und fern unserer allgegenwärtigen Lebenspraxis.
 
So bestand zum Schluss ein allgemeiner Konsens, ein Plan, der uns am 30. Januar nächsten Jahres zu einem ersten Kontakt mit Asylbewerbern nach Unterwellenborn führen soll. Wir planen dabei nichts Spektakuläres. Es soll um gegenseitiges Verständnis in dieser nicht einfachen Situation gehen und vieleicht auch etwas Vertrauen.
 
Nach dem Aufbruch aus dem Gemeindehaus Gorndorf zog ich Bilanz für den gelungenen Abend und stellte fest, dass man nicht immer klüger aus dem Gespräch hervorgehen muss, aber durchaus reicher an Erfahrung.
 
Dafür an alle die sich im Gespräch einbrachten recht herzlichen Dank. Danke auch an jene, die für die Organisation und Verpflegung sorgten.
Ich freue mich schon jetzt auf unser nächstes „Männerschmieden“
 
Euer Jürgen Tauchen