Bernd Schiffner
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„Männerschmieden“ im Gericht
 
Wenn im Amtsgericht Ende Oktober bei freitagabendlicher Dunkelheit noch Licht brennt, zeugt das meist vom Fleiß einzelner Bediensteter vor Ort. Auch am 23.Oktober 2009 war das so, als 12 Besucher aus Saalfeld vom Direktor des Rudolstädter Amtsgerichtes Volker Kurze durch die angegrauten Hallen hiesiger Gerichtsdienstbarkeit in der Rudolstädter Marktstraße 54 geführt worden sind.
 
Häuser wie dieses atmen Geschichte. Will man in diese einsteigen, kann man die Internetseite des Weimarer Architekturbüros Gildehaus Reich benutzen. Seit 1905 steht das Haus mit seinen immerhin 26.000 m3 umbautem Raum prägend in Rudolstadts abends nach Geschäftsschluss ziemlich ausgestorbener Flaniermeile. Jugendstilgeschmückt. Würdig. Kein Justizpalast großstädtischer Prägung, sondern eher ein Kaffeehaus Justitia.
 
Jede Stadt braucht neben Geschichte auch Geschichten. Saalfelder haben da genug Stoff durch Krankenhaus und Landratsamt. In Rudolstadt ist es neben dem Theater  das Gericht, das Geschichten verpuppt. 1911 liefert sich Rudolf Friedrich Wilhelm Ditzen mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker bei Rudolstadt ein Sturm und Drang-Duell, das nur erstgenannter überlebte. Er wird wegen Totschlag verhaftet, kommt in die Psychiatrie und später als Hanns Fallada groß heraus. Im Gericht tagte auch der Landtag. 1911 wird mit Franz Winter zum ersten Mal in Deutschland ein SPD-Mann zum Landtagspräsidenten gewählt. 1918 dankte Fürst Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt als (vergessener) letzter Monarch Deutschlands ab.
 
Rudolstädter Zeitläufe waren und sind geruhsam, aber nicht ruhig. Der Fürst dankt später ab? Na und, lasst ihn doch. Jemanden als Brummochse zu titulieren gilt als derb, jedoch nicht ehrschädigend und ist es über die Jahrzehnte geblieben. Zwei Diktaturen sind seit den blau-weißen Schwarzburgern von hinnen gegangen. Schicksale lagern in Aktenregalreihen. Brummochse bleibt Brummochse. Volker Kurze hätte noch viel zu berichten gehabt. Die aufkommende Diskussion über die alltägliche Arbeit oder die besonderen Fälle im Gericht hätte noch stundenlang weitergehen können.
 
Nach dem Applaus für den Pfälzer Bub Volker Kurze als Dank und Abschied vom Gericht gingen wir zum Gemeinderaum am Schulplatz.  T.F. hatte mit seinem Fahrzeug Essen und Trinken gebracht. Dieses wurde gemeinsam hochgetragen und der Tisch gedeckt. Beim gemeinsamen Abendessen wurde des Öfteren über das Jüngste Gericht reflektiert, dass sich auch über dem Eingang unserer Saalfelder Johanneskirche findet. Jeder, der eintritt und jeder, der austritt schreitet darunter hindurch. Meist unbewusst. Die Seligen fahren in den Himmel, die Verdammten stürzen zur Hölle. In der Mitte thront Christus.
 
Auch im Leben ist jeder von uns von gerichtlichen Entscheidungen betroffen. Und sei es durch ein Gärtlein, im Grundbuchamt ist der Werdegang jedes Grundstücks vermerkt, teilweise bis zum Jahre 1600 zurück. Herausforderungen im Berufsleben durch Schutzbefohlene kamen im weiteren Verlauf des Abends zur Sprache. 20 Jahre nach der Wende lebten die Ereignisse von damals wieder lebendig auf. Ein Aufatmen ging durch die Runde.
 
Plötzlich erinnerte Christian Sparsbrod daran, dass der letzte Zug nach Saalfeld in wenigen Minuten abfährt. So schnell geht ein Abend herum? Zeit zum Vaterunser und Abschiednehmen war aber noch und beim halbstündigen Warten auf den verspäteten Zug plätscherte der Abend unaufgeregt aus. Das nächste Männerschmieden wird am Freitag, dem 4. Dezember 2009, um 19 Uhr im neuen Dritte-Welt-Laden Saalfeld am Kreisel „Grüne Mitte“ sein. Hoffentlich mit Dir.