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Radtour im Mai

 
Vom Treffpunkt an der Johanniskirche radelten sieben Teilnehmer des Gesprächskreises „Männerschmieden“ bei schönem Wetter auf dem Saale-Radweg nach Rudolstadt. Als wir durch den Heinepark entlang einer Allee in voller Blüte stehender junger Kastanienbäume fuhren, kam mir der aus irgendeinem Buch der Kinderzeit stammende Spruch: „Und das Jahr hat viermal der Monate drei .. doch keinen so schön wie den Mai“ wieder in den Sinn. Schön war auch, das wir eher gemächlich radelten, keiner geriet so außer Puste, das er sich nicht hätte mit dem Nebenmann unterhalten können .. und so macht Radeln Spaß, hat eher fettverbrennende als Muskelkater erzeugende Wirkung und auch behandelnde Kardiologen finden daran nichts auszusetzen :)
 
Nach dem sportlichen Einsatz parkten wir unsere Drahtesel an der altehrwürdigen Stadtkirche "Zur Ehre Gottes", wohl eher unter dem Namen Stadtkirche „St. Andreas“ und auch als Auditorium für hochklassige musikalische Veranstaltungen während der Tanz&Folk-Feste weit über die Grenzen Rudolstadts hinaus bekannt. Sie befindet sich im ältesten Teil der Stadt und wurde auf den Grundmauern einer alten Wallfahrtskirche aus dem 12. Jahrhundert mehrmals umgebaut. Die Kirche in ihrer heutigen Form entstand in den Jahren 1634 bis 1636.
Der Pfarrer der Stadtkirche, Herr Manfred Goerl (der, man höre und staune, auch ein Doctor rerum naturalium, also ein Doktor für Naturwissenschaften ist), war unser sachkundiger Kirchenführer. Schon das Aufschließen der Kirche war ein kleines Erlebnis, denn der Schlüssel zum Kirchenportal war ein beeindruckendes Exemplar und das dazugehörige schwere Kastenschloss nicht minder. Im Inneren der Kirche erfuhren wir dann einige interessante Details, die man sonst so ohne weiteres nicht zum Nachlesen findet, so zum Beispiel, das für den Neuguss einer der Kirchenglocken eine Kanone der Heidecksburg sowie die Darrpfanne aus einer Brauerei eingeschmolzen wurden. Ziemlich ausführlich wurden Informationen zum Hochaltar und dem wohl wertvollsten Inventarstück der Kirche, dem Schönfeldtschen Epitaph, gegeben. Das interessante am Hochaltar ist der Umstand, das er ursprünglich ein spätgotischer Flügelaltar war und 1636 umgebaut wurde, es gibt Übermalungen die man unter einem bestimmten Blickwinkel erkennen kann, für den in der Ikonographie bewanderten Betrachter ergeben sich interessante Deutungsmöglichkeiten der leichten Veränderungen in der Darstellung nach dem Umbau des Altars.
 
Das Schönfeldtsche Epitaph wurde bereits 1592, also vor dem letzten Kirchenumbau, aus Alabaster und Marmorals Grabdenkmal für Georg von Schönfeldt geschaffen.
 
Die an große Kieselsteine erinnernde Bemalung der Kirchensäulen ist sicher nicht jedermanns Geschmack, Pfarrer Goerl bindet ihre Gestaltung aber gut in Predigten ein. So soll sich jedes Gemeindemitglied während der Predigt vorstellen, welcher Stein es im Gefüge des verbindenden Glaubens ist oder sein könnte.
 
Die Säulen der Kirche sind achteckig, es gibt ein altes achteckiges Taufbecken, warum das so ist, darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Die Erklärung liefert die Schöpfungsgeschichte in der Bibel:
 
Die Welt wurde von Gott in 7 Tagen geschaffen, achteckige Taufbecken weisen darauf hin, dass in der Taufe bereits der achte Schöpfungstag angebrochen ist, an dem Gott den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird. Mit der Acht beginnt sozusagen eine neue Qualität, der Eintritt in eine neue Welt. Jesus ist nach dem siebenten Tag (dem abschließenden Tag der Woche), nach dem Sabbattag vom Tode auferstanden und somit ist die Verbindung zur christlichen Taufe in der Architektur gegeben.
 
Das höchstwahrscheinlich ein durchaus enger Bezug der Kirchengeschichte zur Dichtung deutscher Klassik besteht ergibt sich aus einem belegten Besuch Friedrich Schillers nach dem Einschlag von vier Blitzen in das Kirchgestühl am 19. Juli 1788. Schiller besichtigte den entstandenen Schaden, danach war er wohl noch mehrmals auf dem Turm und im Glockenstuhl interessierte er sich besonders für die Glocke „Osana“ deren lateinische Inschrift übertragen ins Deutsche folgendermaßen lautet:
 
Ein süßer Lied singe ich
Die Freuden der Heiligen künde ich
Die Hingeschiedenen beklage ich
Die Lebenden rufe ich
Die Blitze zerschlage ich
 
Diese Inschrift soll Schiller die Anregung zu seinem „Lied an die Glocke“ gegeben haben, aber diesen Anspruch erheben natürlich auch andere , so beispielsweise die evangelische Kirchengemeinde Gechingen, in deren Martinskirche eine in der Stuttgarter Gießerei Kurtz gegossene Glocke hängt, besagte Gießerei nun soll der inspirierende Auslöser für Schiller gewesen sein …
 
Wie auch immer, nicht alles Überlieferte kann man als hundertprozentig zutreffend annehmen und das ist vielleicht auch gut so, schließlich soll ja auch die Fantasie angeregt werden.
 
Nach der interessanten Kirchenbesichtigung bedankten wir uns bei Pfarrer Goerl für seine Ausführungen und schwangen uns wieder in die Sättel unserer Drahtesel. Ziel war der Garten von Klädtkes, wo wir uns vorzügliche Soljanka aus dem Kessel über offenem Feuer, leckeres Baguette-Brot und das eine oder andere Bierchen schmecken ließen. Geschützt durch ein Vordach konnte uns auch der einsetzende starke Regen nichts anhaben, Kerzenlicht und der Schein von im schmiedeeisernen Feuerkorb brennenden Holzscheiten sorgten für eine heimelige Atmosphäre. Wir unterhielten uns zu den verschiedensten Themen, unter anderem über die Möglichkeit, das Angebot evangelischer Kommunitäten zu nutzen, ein Kloster auf Zeit zu besuchen. Wir sprachen auch darüber, was wir an zukünftigen Treffen unseres Kreises unternehmen könnten. So wird uns das nächste Mal Colum Lindenberg etwas über seine Arbeit als Musiktherapeut und zur anthroposophischen Weltanschauung erzählen.
Die Heimfahrt erfolgte komfortabel per Transfer im Auto, unsere Räder brachten Klädtkes am nächsten Morgen per Anhänger nach Saalfeld, auch hierfür nochmals ein ganz großes Dankeschön!
 
Matthias Oswald

20. Mai 2009