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Männerschmieden im Stahlwerk

 
Woher kommt der Stahl? Den Spuren der Stahlwerdung von Schrottfetzen wollten 20 Männer der Saalfelder Gruppe „Männerschmieden“ aus der evangelischen Kirchgemeinde (wieder) nachgehen. Wieder deshalb, weil ein paar von uns jahrelang oder gar jahrzehntelang hautnah dabei waren, wie der Stahl unter DDR- und gesamtdeutschen Bedingungen hergestellt worden ist.
Jedenfalls trafen wir uns an einem winternasskalten Freitagabend Ende März 2009 am Eingang der Stahlwerke Thüringen (SWT) in Unterwellenborn. Herr Möbius vom Stahlwerk nahm uns in Empfang und ließ uns mit Brille, Ohrstöpseln und festen orangen Kitteln einkleiden.
SWT sammelt im Umkreis von 400 km Schrott ein. Im letzten Licht des Abends sahen wir zwei Männer in Portalkränen bei der Schrottabladearbeit. Im Elektrostahlwerk selbst war eigentlich kein Licht vonnöten, der Kessel brannte lichterloh, alles war in vibrierender Bewegung, Funken stoben, Gichtgas dubelte. Wir folgten dem Werden des Stahls auf Laufgängen aus Gitterrosten, verfolgten den Weg der Pfannen zur Pfannenofenanlage und schlichen ehrfurchtsvoll um die Stranggussanlage herum, die den Anfang der kombinierten Formstahlstraße bildet. Deren Halle ist über 600 m lang. Hier wird in drei Walzgerüstgruppen aus einem schon nach Stahlträger aussehendem Babygesicht ein zunderfreier normgerechter Stahlträger in ca. 100 m Länge ausgewalzt und gerichtet. Wenn dessen Schopfenden laut kreischend abgeschnitten worden sind und er in den bestellten Längen abgesägt worden ist, kann er paketiert und auf seine Reise gehen. Man sieht sich wieder, in 100 Jahren oder schon eher …
Als wir aus der Formstahlstraße wieder heraustraten war es dunkel geworden in den Bergen um Saalfeld. Wir dankten Herrn Möbius durch Applaus für seine Geduld und alle Erläuterungen auf unserem gemeinsamen zweistündigen Wege um den Feuerofen.
Der zweite Teil des Abends fand im schmucklosen Unterwellenborner evangelischen Gemeinderaum statt. Fleißige Männer hatten Brot, Fett, Gurken, Bier und Alkoholfreies besorgt und den Tisch gedeckt. Das gemeinsame Abendbrot im Jugendherbergsstil hat sich zum guten Bestandteil unserer Abende entwickelt.
Nach dem Essen und Trinken hielten wir inne. Pfarrer Christian Sparsbrod las Daniel 3. Drei Männer beten die etwa 18 m hohe Götzenstatue von Saddam Hussein, nein von Lenin, auch nicht, nämlich die von König Nebukadnezar nicht an. Sie werden verraten und auf Geheiß des Königs Nebukadnezar in den (Ziegelbrenn-) Ofen, siebenmal heißer als gewöhnlich, geworfen. Die Werfer am Mundloch sterben vor Hitze. Den Männern aber passiert nichts. Denn es sind vier. Gott hat Ihnen geholfen.
Von dieser Bibelstelle ausgehend entspann sich eine spannende und zeitweise scharfzüngige, auch klagende Rede und Widerrede. Abschalten und dem Plätschern der Worte nachdämmern ging nicht. Manch einer streute Erlebnisberichte aus seiner bis zu dreißigjährigen Tätigkeit im Stahlerzeugungsbetrieb bei. Die Schicksale der früher dort beschäftigten Strafgefangenen wurden skizziert. Aber auch ernsthafte Fragen gestellt, was im eigenen Leben schief läuft und wieder gerichtet werden muss. Arbeitslose berichteten von Ihrem Unglück, daheim sein zu müssen. Arbeitende berichteten vom teilweisen kaum auszuhaltenden Druck auf der Arbeit. Kaum aufzulösen, kaum aufzuhalten. Vielleicht war das die Stärke des Abends, dass den Worten des anderen zugehört wurde und keine Patentrezepte feilgeboten worden sind.
So kann es weitergehen. Am Freitag, dem 15. Mai 2009, 18.30 Uhr, Treffpunkt Kirche. Wir fahren mit den Rädern nach Rudolstadt, und verbringen den Abend bei Klädtkes im Garten mit Blick übers Saaletal und die Höhen.
Bernd Schiffner
01.04.2009